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Samstag · 24.08.2013 · 12:05 Uhr · Thomas Levknecht - ThSV, red

"Bundesliga ist eine andere Sportart" - Helge-Olaf Käding über Eisenachs Erstligachance


Helge-Olaf Käding
Foto: Dominik Schreier
Helge-Olaf Käding, auf Handballrecht spezialisierter Rechtsanwalt mit Kanzleisitz in Minden, ist seit 20 Jahren profunder Kenner der Handballszene. Der 43-Jährige berät unter anderem Vereine oder deren wirtschaftliche Träger. Käding hat seit dem Eisenacher Aufstieg 1997 intensive Kontakte in die Wartburgstadt und unterstützte den Traditionsverein unlängst strategisch und juristisch dabei, in der anstehenden Saison weitestgehend in der Werner-Aßmann-Halle spielen zu dürfen. Thomas Levknecht sprach mit Helge-Olaf Käding über Chancen von Bundesliga-Aufsteigern, Sponsorenstrukturen in der „stärksten Liga der Welt“ und wie es dem ThSV Eisenach gelingen kann, den Klassenverbleib zu schaffen.

Wie stehen die Chancen des ThSV auf den Klassenverbleib?

Helge-Olaf Käding:
Wenn man die ganze Sache mathematisch betrachtet, sieht es finster aus. Seit Einführung der eingleisigen zweiten Liga sind fünf von sechs Aufsteigern in die Bundesliga sofort wieder abgestiegen. Lediglich GWD Minden hat sich in der abgelaufenen Saison knapp halten können. Dabei handelt es sich aber um einen Verein, der sowohl strukturell als auch etatmäßig in die Bundesliga gehört. Dennoch bedurfte es eines Trainerwechsels und einigen Glücks, dass 18 Punkte gereicht haben.

Spielt der Etat denn so eine große Rolle? Der TV Neuhausen hätte es mit einem Mini-Etat doch beinahe geschafft.

Helge-Olaf Käding:
Es war wirklich beeindruckend, wie sich der TV Neuhausen verkauft hat. Aber: Beinahe reicht leider nicht. Schauen wir uns doch mal die Sponsorenstrukturen derjenigen Vereine an, die sich in den vergangenen Jahren in der ersten Liga etabliert haben: Hamburg, Melsungen, Nettelstedt, Rhein-Neckar Löwen, Hannover. Das sind Klubs, in denen der Hauptsponsor als Mäzen einen riesigen Anteil des Etats bringt oder gebracht hat. Lediglich auf Balingen und Berlin trifft das nicht zu. Um relativ sicher in der ersten Liga zu bleiben, bedarf es eines Etats von etwa drei Millionen Euro. Darunter wird es wackelig. Mit weniger als zwei Millionen sind die Chancen sehr schlecht. Doch selbst davon ist der ThSV noch weit entfernt.

Es bedarf also eines finanzstarken Mäzens, um dauerhaft in der Bundesliga zu bleiben?

Helge-Olaf Käding:
Nicht unbedingt, siehe Balingen oder Berlin, wobei es in Berlin noch einen starken Vermarkter gibt. Aber ein Mäzen erleichtert vieles. Er verschafft Zeit. Die wenigsten Vereine ohne Mäzen haben die notwendige Zeit, um aus sich heraus gesund in der Bundesliga wachsen zu können, weil es nach einem Jahr sofort wieder runtergeht.

Kann sich ein Verein nicht auch in der zweiten Liga entwickeln?

Helge-Olaf Käding:
Nur bis zu einem bestimmten Punkt. Spürbares wirtschaftliches Wachstum in Richtung drei Millionen-Etat ist – ohne Mäzen – nur in der Bundesliga möglich. In der zweiten Liga die Umsätze so zu entwickeln, dass man hinsichtlich des Klassenverbleibs relativ gelassen aufsteigen kann, ist ohne Mäzen meiner Meinung nach nicht möglich.

Demnach ist der ThSV für Sie schon jetzt sicherer Absteiger?

Helge-Olaf Käding:
Glücklicherweise ist Sport keine Mathematik! Mit der Werner-Aßmann-Halle im Rücken wird der ThSV sicher den einen oder anderen Heimsieg landen. Die Halle ist ein Pfund und in meinen Augen mit ihren Fans eine Bereicherung für die Liga, auch wenn sie nicht in jeder Hinsicht den Anforderungen der Liga entspricht. Viele Gegner werden mit einem unangenehmen Gefühl im Bauch nach Eisenach reisen. Daher war es auch so wichtig, den Kompromiss mit der HBL zu erzielen. Dürfte der ThSV nicht 14 seiner Heimspiele in Eisenach austragen, gäbe es gar keine Chance auf den Klassenverbleib. Wenn es dann noch gelingt, mindestens zwei Spiele auswärts zu gewinnen, sieht es längst nicht so finster aus wie beim reinen Blick auf die Statistiken.

Was ist neben dem „Druck der Halle“ nötig, damit der ThSV die Klasse hält?

Helge-Olaf Käding:
Das Allerwichtigste ist, in jeder Phase der Saison die Ruhe zu bewahren, auch wenn es mal eine Negativserie, „minus 18“ auswärts oder eine derbe Heimschlappe gegen eine vermeintliche „graue Maus“ geben sollte. Mit solchen Dingen muss man realistischerweise rechnen. Das ist völlig normal. Entsprechend muss auch damit umgegangen werden.

Was meinen Sie damit?

Helge-Olaf Käding:
Der Klassenerhalt kann nur geschafft werden, wenn alle Beteiligen gemeinsam agieren, an einem Strang ziehen und vor allem Geduld haben. „Bundesliga ist eine andere Sportart“, hat Jörn-Uwe Lommel mal gesagt. Damit hat er Recht. Mannschaft, Verantwortliche, Fans, Sponsoren und das gesamte Umfeld brauchen Zeit, sich an das Tempo der Bundesliga zu gewöhnen. Und an Niederlagen, die es wesentlich häufiger als zuletzt geben wird.

In den vergangenen Jahren wurde in Eisenach viel erreicht, vor dem ich als Beobachter aus der Ferne nur den Hut ziehen kann: Abwendung des Konkurses, wirtschaftliche Konsolidierung und Seriosität, kontinuierliche Steigerung des Umsatzes, Qualifikation für die eingleisige zweite Liga und zuletzt der Aufstieg in die „stärkste Liga der Welt“. Das alles sind mehr als beachtliche Leistungen. Es ist enorm wichtig, denjenigen, die diese Erfolge erzielt haben, während der gesamten Saison den Rücken zu stärken und sie einfach machen zu lassen. Alle Beteiligten haben sich das langfristige Vertrauen der Fans und Sponsoren verdient.

Was wäre der größte Fehler?

Helge-Olaf Käding:
Aus Erfahrung sage ich: Eine überzogene und unrealistische Erwartungshaltung aus dem Umfeld, die in einer schlechten Grundstimmung mündet! Ich habe zum Beispiel das Heimspiel gegen Nordhorn besucht. Nach dem Spiel – der Aufstieg stand noch nicht fest – kam ich mit einigen Fans ins Gespräch, die felsenfest davon überzeugt waren, dass Platz acht oder zehn in der Bundesliga erreicht werden muss und das Thema Klassenerhalt überhaupt kein Thema sei. Nach meiner Wahrnehmung sind diese Optimisten aber die absolute Minderheit. Diese überzogenen Erwartungen werden – so sicher wie das Amen in der Kirche – enttäuscht werden. Gefährlich wird es, wenn dann schlechte Stimmung erzeugt wird, personelle Konsequenzen gefordert werden, sich dies auf die Mehrheit überträgt und alles, was zuletzt zum Erfolg führte, infrage gestellt wird.

Wie kann dem begegnet werden?

Helge-Olaf Käding:
Jedes Bundesligaspiel ist ein Highlight für den ThSV Eisenach. Ihr solltet diese Highlights genießen und immer gute Stimmung verbreiten; euch nicht von „Miesepetern“ beeinflussen lassen. Denn: Wenn es am Ende nicht für Platz 15 reichen sollte: Wo ist das Problem? Das sportliche Ziel ist in meinen Augen dem Wirtschaftlichen unterzuordnen. Mit einem Abstieg ginge der Handball in Eisenach nicht unter. Wohl aber mit einer Insolvenz infolge zu hoher Ausgaben für den Kader, um mit aller Macht nicht abzusteigen. Wenn es der ThSV – wie in den vergangenen Jahren – schafft, sein wirtschaftliches Ziel zu erreichen, nämlich keine „Miesen“ zu machen und zudem noch Altlasten abzutragen, dann hat der Klub mehr geschafft, als die meisten seiner Konkurrenten.

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