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10.02.2010 - Frank Schneller
Top-Handballer an die Pfeife?

Ex-Stars wie Stefan Kretzschmar an der Pfeife?
Foto: dhb
Manipulationsvorwürfe und Bestechungsfälle im Handball – nicht erst, aber besonders seit 2009 ein heikles, ein übles Thema. Insbesondere in dieser Sportart ist eine präzise Analyse vermeintlicher Fehlentscheidungen indes heikel und der Versuch, unlauteres Eingreifen zu enttarnen, nahezu unmöglich, von den offenkundigen Schiebungen wie beim Skandalspiel Kuwaits – Korea einmal abgesehen. Das liegt am Charakter und den Regeln des Spiels. Und – das kristallisierte sich bei der WM 2009, aber auch bei der gerade beendeten EM angesichts strittiger Pfiffe heraus – an den Referees selbst. Die Forderung vieler: Ex-Spieler nach verkürzter Ausbildung direkt in hohen Klassen an die Pfeife oder als Ausbilder in die Schiedsrichter-Lehrgänge.

Chrischa Hannawald im Schiedsrichtertrikot
Foto: red
Fast jedes Team und jeder Trainer hat sich im Verlauf der EM mindestens einmal entschieden benachteiligt gefühlt, teils gar „verschaukelt“. Viele machten dies am Spielfeldrand durch wilde Gesten und Körpersprache deutlich (zum Beispiel Staffan Olsson, Claude Onesta oder der für seine lautstarken Proteste sogar auf Bewährung gesperrte Dagur Sigurdsson), nicht wenige haben sich danach auch noch scharf geäußert und ihrem Ärger Luft verschafft (Bogdan Wenta, Lino Cervar, Vladimir Maximow), andere wiederum kochten nur innerlich und betonten, sie wollten sich lieber gar nicht zu den Unparteiischen äußern (Noka Serdarusic, Heiner Brand). Für Heiner Brand gilt dabei, fast gar nicht ...

Ob er zufrieden war, weil er nichts über die Schiris sage, wurde Brand beispielsweise nach der Partie gegen Schweden gefragt. "Das heißt es nicht, aber ich sage trotzdem nichts über sie", so die – genervte – Antwort. Weniger diplomatisch ist diesbezüglich Frankreichs Superstar Nikola Karabatic: "Man hat bei dieser EM wieder einmal gesehen, dass selbst die Schiris bei solchen internationalen Top-Events offenkundig früher selbst nie hochklassig Handball gespielt haben. Sie haben das Bauchgefühl nicht, das Spiel nicht im Blut." Exemplarisch war für viele Betrachter der ausgebliebene Siebenmeterpfiff für die Slowenen beim 30:30 gegen Polen in der Schlusssekunde. Freiwurf? Siebenmeter oder Abwurf - Tertium non datur, etwas Drittes gab es nicht. "Aber so, das Foul zu sehen, es zu ahnden – mit Freiwurf ... Mit solchen Pfiffen kann man einer Mannschaft das ganze Turnier kaputt machen, auch wenn es ja immer heißt, so was gleicht sich immer wieder aus – aber das kann doch kein Argument sein", so der verzweifelte Co-Trainer Sloweniens, Boris Denic.


Sandor Andorka
Michael Heuberger
Dabei sollte alles besser werden bei dieser EM. Das Turnier in Österreich galt angesichts der hitzigen Diskussionen bei der WM 2009 in Sachen Referees als Zäsur. Sandor Andorka, Vorsitzender der EHF-Schiedsrichterkommission, hatte versucht, die Weichen entsprechend zu stellen. Erfolglos. Stattdessen sagt Uli Derad, Geschäftsführer des THW Kiel, angesichts der Darbietungen der zwölf für den vermeintlichen ‚Neuanfang’ stehenden EM-Paare und der jüngsten Beschwerden rund um die EM: "Wir sollten mal dringend über den ‚Berufsstand’ Schiedsrichter nachdenken."

Sicher: Neue, junge Gespanne sollten – und sollen – aufgebaut werden. "Aber bei denen fehlt natürlich auch die Erfahrung zwangsläufig, das ist ein Risiko", gibt Heiner Brand zu bedenken. Doch Erfahrung ist aus Sicht vieler Insider nicht der einzige Mangel. "Lasst um Himmels Willen Handballer ans Werk", fordert Sloweniens Coach Noka Serdarusic, "zu viele Theoretiker schaden unserer Sportart". Und mit Blick auf die Männer an den Pfeifen gibt er zu bedenken: "Wenn man nicht selbst auf dem Feld gestanden hat, kann man viele wichtige Details gar nicht in Bruchteilsekunden wahrnehmen und einordnen. Wie auch? Wer aber selbst mal Spitzenspieler war, möglicherweise sogar bis vor kurzem, der weiß, was auf dem Spielfeld passiert, der hat das Gespür für die Aktion, für die Situation."

Sein Assistent Desic, früher selbst Profi, ist sicher: "Keiner von den guten Ex-Spielern bräuchte eine jahrelange Ausbildung oder Schiedsrichterkarriere durch all die unteren Klassen, um in Kürze besser zu sein als viele Gespanne, die wir bei der EM gesehen haben. Ihre Erfahrung bringen sie doch schon mit." Auch Brand würde sich wünschen, "dass mehr ehemalige Spitzenspieler auf Schiedsrichter umschulen. Das wäre ein großer Fortschritt" – einer, den auch DHB-Vizepräsident Horst Bredemeier herbeisehnt: "Wir vertreten innerhalb des Verbandes sowieso diese Haltung. Das ist ein sehr interessanter, sehr guter Ansatz." Ex-Profis an die Pfeife! Nur ein populistischer Wunsch vieler Betroffener? Oder eine Idee mit Substanz?

"Natürlich würde man dieser Vision entgegnen, dass keiner der Spieler diese Laufbahn einschlagen will, weil er sich durch sämtliche Klassen hochpfeifen müsste. Aber genau hier könnte man ja ansetzen", sagen Brand und Bredemeier unisono. Serdarusic führt den Gedanken weiter aus: "Natürlich will keiner von den Jungs Schiedsrichter werden nach dem jetzigen System. Wer will schon bei Adam und Eva anfangen? Ich aber sage: Das müssen sie gar nicht. Lasst sie ein, zwei Jahre Erfahrung sammeln und dann gleich oben ran. Das würde besser funktionieren als viele annehmen." Auch Brand weiß: "Wenn diese Vision Wirklichkeit werden soll, müsste man den Spielern attraktivere Perspektiven aufzeigen, wie sie es an die Spitze schaffen, kürzere Wege. Aber was spricht dagegen, sich damit auseinanderzusetzen?"


Nikola Karabatic
foto-duda.de
Quereinsteiger gäbe es in anderen Bereichen schließlich auch. Einigkeit herrscht scheinbar darüber, dass der lange, erschwerliche Aufstieg abschreckt, aber auch darüber, dass man diesen Prozess deutlich verkürzen könnte, wenn es sich bei den ‚Blitz-Azubis’ um ehemalige Spieler handelt. Noch dazu um jene, die selbst mit allen Handball-Wassern gewaschen sind. "Das stünde außer Frage", sagt Nikola Karabatic, "viele von uns könnten gute Schiedsrichter werden." Ob sie es wollen, sei freilich eine andere Frage, so der Superstar der Franzosen.

Die EHF selbst hat vor nicht allzu langer Zeit, im Zuge der Manipulations- und Bestechungsaffären grundlegend – u.a. – erklärt: "In einem dynamischen Spiel wie Handball können Entscheidungen der Schiedsrichter immer zur Basis von Disputen werden." Die schnelle Entwicklung für Spieler, Schiedsrichter und technische Experten seien eine große Herausforderung. "Und weil das so ist, sollten die Unparteiischen aus der Praxis kommen, dann wissen sie, dass sie bei einer Auslösehandlung auf die Sperre am Kreis achten müssen, obwohl die Aktion noch woanders ist, anstelle nur dem Ballweg folgen", sagt Serdarusic. "Fingerspitzengefühl, nicht nur am Ball, sondern auch an der Pfeife", nennt dies Weltmeister Christian Schwarzer, "Regelwerk verstehen, aber auch ein Feeling für den Handball haben".

Körperliche Intensität, hohes Tempo und viele letztlich dehnbare Regeln – Schrittzahl bei Behinderung, Abwehr- oder Stürmerfoul, Eintreten in den Wurfkreis, Zeitspiel(-Androhung) usw. – bieten zahllose Angriffsflächen, wie sie man sie beispielsweise beim Fuß- oder Basketball nicht findet. Sicher: Ein (falscher) Pfiff kann viel eher ein Fußballspiel entscheiden, aber beim Handball sind viel mehr Entscheidungen zu treffen, ist der Körpereinsatz und die Frequenz der Zweikämpfe viel höher – kein großes Problem für das von vornherein reglementierte, körperlosere Basketballspiel. Aber im Handball aufgrund des oftmals mangelnden Gespürs bzw. der eigenen Erfahrung Nährboden für viel Willkür, zumindest aber Fehler und immer neue Konzessionen.

"Sicher wäre das eine Verbesserung, wenn man gelebten Handballverstand auch in der Spielleitung hätte. Wenn Willkür schon nicht ganz vermeidbar ist, dann wenigstens Bauchentscheidungen von Leuten, die das Spiel verstanden haben. Doch ist diese gute Theorie in der Praxis schwer umsetzbar", gibt der im letzten Jahr vom aktiven Handball zurückgetretene Stefan Lövgren zu bedenken. Ehemalige Kollegen und Gegner stimmen ihm zu: "Man wird keine Ehemaligen finden, die das nach jetzigem Stand der Dinge auf sich nehmen wollen. Die Forderung ‚Handball den Handballern’ ist zwar grundsätzlich richtig, wurde aber aufgrund des vermeintlichen Bestechungsskandals ja in Form der Konsequenzen für die Schiedsrichter gerade erst verworfen. Hier wurde bewusst Nähe abgeschafft, die ‚Handball-Familie’ zerstört. Vielleicht war es nötig, aber mit solchen Maßnahmen wird auch die Forderung nach Profi-Schiedsrichtern entscheidend beeinflusst", sagt Stefan Kretzschmar, "und das Konzept, Schiedsrichter regelmäßig bei den Vereinen im Training reinschauen zu lassen und sich mit ihnen auszutauschen, ist aufgrund des latenten Manipulationsverdachtes auch verworfen".

Sein ehemaliger Weggefährte Daniel Stephan sieht es ähnlich: "Das Hospitieren schürt die Verdachtsmomente leider. Und auch, wenn ein Spieler plötzlich seine ehemaligen Kollegen pfeift, besteht die Gefahr der unterschwelligen Befangenheit. Man müsste schon zwei, drei Jahre zwischen Bundesliga spielen und Bundesliga pfeifen legen, auch, damit zwei Partner lernen, Partien zusammen zu leiten." Gegen eine solche Lernphase haben auch die Hardliner dieser Idee wenig. Und auch die anderen Einwände sind ihnen bewusst. Der kleinste gemeinsame Nenner aller Kritiker ist daher dieser von Stefan Lövgren formulierte und allenthalben unterstützte Vorschlag: "Schickt die Topspieler in die Schiedsrichter-Lehrgänge, lasst sie die Referees mit ausbilden, ihnen die Tricks und Kniffe auf dem Feld beibringen, die Schulungen konzipieren oder durchführen. Gibt Ihnen solche Funktionen. Das wäre auch schon ein großer Schritt."

Fragt sich, wie diese Forderungen auf den Verbandsebenen ankommen. Heiner Brand will dies auf Dauer nicht nur aus der Distanz abwarten: "Ich werde zwar sicher nicht mit kurzer Hose und Pfeife übers Spielfeld rennen, aber wenn ich mal nicht mehr Trainer bin, wende ich mich dem Schiedsrichterwesen zu und packe an, das ist ziemlich sicher. Über solche und andere Verbesserungsoptionen muss doch gesprochen werden." Dann dürfte er – anders als auf den Pressekonferenzen bei der EM – zu diesem Thema auch Tacheles reden. Und wer weiß, vielleicht sieht man in der Folge irgendwann mal Oliver Roggisch Zeitstrafen gegen irgendwelche Abwehrkanten verteilen. Das indes ist eine wahrhaft visionäre Vorstellung.



 
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